Spitzenpolitikerinnen und -politiker im Gespräch
Meine schwerste Entscheidung
Veröffentlicht am 01.09.2026 / 05:50
Frauke Brosius-Gersdorf hatte sich nach einem Unfall auf einen Sommer voller Erholung eingestellt, bis ihr Telefon klingelt. Die SPD bietet der Rechtswissenschaftlerin an, sie als Richterin am Bundesverfassungsgericht zu nominieren. „Das war für mich keine große Überlegung“, erinnert sich die 55-Jährige im Gespräch mit Jan Dörner. Die Juristin sagte schnell zu und freute sich auf das höchste Gericht des Landes: „Für mich persönlich wäre das ein herausragender Job gewesen.“
Doch schnell wird aus der Karrierechance ein Albtraum: Frauke Brosius-Gersdorf gerät vor allem wegen ihrer Position zu Schwangerschaftsabbrüchen ins Visier konservativer und rechter Kräfte, die gegen die Berufung der „linksextremen“ Juristin massiv mobil machen. Die Richterwahl wird politisiert wie nie zuvor. „Da wurde viel mit Verfälschung Verzerrung, Desinformation, Diffamierung gearbeitet“, erzählt Frauke Brosius-Gersdorf.
Schlagartig wird die Potsdamer Rechtsgelehrte bundesweit bekannt – und manchen zum Hassobjekt. Die Richterwahl stürzt die Regierung wegen des Widerstands in der Unionsfraktion gegen die SPD-Kandidatin in eine gefährliche Krise. Ein Bruch des Bündnisses nach nur wenigen Wochen im Amt scheint möglich. Als sich die Krise dramatisch zuspitzt, zieht die Koalition nur wenige Stunden vor der geplanten Abstimmung im Bundestag die Reißleine.
Frauke Brosius-Gersdorf sitzt am Abend auf ihrer Bettkante und tröstet sich und ihren Mann mit dem Spruch: „Es ist nur eine Phase, Hase.“ Die Juristin braucht allerdings lange, um sich davon zu erholen. Heute sagt Frauke Brosius-Gersdorf: „Was da passiert ist letztes Jahr, das können wir nicht mehr ändern. Aber wir können und müssen verhindern, dass sich das wiederholt.“